Im Jahre 1806 gehört das Land um die Tietjenstraße den Bauern Döhle und von Post (Karte des Dorfes Lehe, Staatsarchiv 11/11 Tafel 16).

Um 1900 wird zwischen der heutigen Straße Auf der Wachsbleiche und der Tietjenstraße die Schweinemastanstalt „Hansa“ mit eigener Stromversorgung als modernste Anlage dieser Art gebaut. 1911 wird auf Veranlassung vom Edwin Oelrichs (1815-86, Kaufmann und Bremer Konsul in New York), dessen Grundstück Vorstraße 22 an das Gelände der Schweinemastanstalt grenzt, der Betrieb eingestellt. Erhalten bleibt das Wohnhaus der Besitzers der Schweinemastanstalt Johann Heinrich Barre an der Ecke zum Herzogkamp.

Nach der Bebauung der Vorstraße des Deichkamps und des Vorkampswegs, von mit der Hollerlandsiedlung durch die Siedlungsgenossenschaft Erdsegen wird mit der Tietjenstraße ein zweites einheitliches Wohngebiet erschlossen.  

Am 9.2.1925 richtet der Architekt H. Kayser einen Brief an den Senat v. Bremen, mit der Bitte die Genehmigung zum Bau einer Straße zwischen Vorstraße und Herzogenkamp. Die Straße soll privat errichtet werden, als Fundament sollen die Mauerreste der ehemaligen Schweinemastanstalt zwischen Wachsbleiche und Tietjenstraße sein, Antragsteller ist der bereits erwähnte Getreidehändler Barre. Ihm gehört das Land am südwestlichen Ende und die östliche Seite der Tietjenstraße, Die Kommanditgesellschaft E. C. Weyhausen, ist Eigentümer des restlichen - nordwestlichen - Teils der Tietjenstraße.

Im Gegensatz zur bisherigen Praxis soll auch ein Abwasserkanal gebaut werden, an den die Häuser angeschlossen werden.

Entgegen anderen Vorschlägen wie Fürstenstraße oder Fürstenkamp wird die Straße letztendlich nach dem im Grundbuch erstmalig eingetragenen Lüer Tietjen benannt (Dokument).  

1928 werden die ersten Einwohner der Tietjenstraße im Adressbuch verzeichnet. Es beginnt mit den Häusern 2, 4, 6 und 8 am nordöstlichen Ende der Tietjenstraße. Die ersten Blöcke sind aufwendig gestaltet, mit Rundbögen über den Türen, geteilten Fensterscheiben und Fensterläden .

 


1935 wird die Straße dann auch vom Herzogenkamp aus mit Doppelhäusern und Einzelhäusern auf der östlichen Seite hinter dem verbliebenen Barre-Grundstück bebaut. Entsprechen dem Zeitgeist sollen sämtliche Holzarbeiten aus „erstklassigem Deutschen Holz“ hergestellt werden (Baubeschreibung Tietjenstraße 39).Für den Block 37-43 hatte der Architekt im Stil der damaligen Zeit stilisierte Reichsadler als Verzierung vorgesehen, die dann aber nicht umgesetzt wurden.

Gegen die Bebauung erhob 1938 Carl Krüger, Weyerbergstraße 40 Einspruch beim regierenden Bürgermeister. Er bemängelt die falsche Baugesinnung, die fehlende Anpassung der hohen Häuser an die ländliche Umgebung, und fordert den Abriss der Neubauten zugunsten einer niedrigeren Bauweise und endet mit dem Gruß „Heil Hitler“. Das Baupolizeiamt bestätigt den ortsfremden Charakter der zweigeschossigen 4-Häuser-Gruppen, verweist jedoch auf die erteilte Bauerlaubnis. Auch das Stadtplanungsamt urteilt, dass die Bebauung durchaus nicht in das dortige Straßen- und Ortsbild hineinpasst, und verweist  auf die bereits begonnene Bebauung mit „bodenständigen“ Einzel- und Doppelhäusern.

Heizung (Small).jpg (25196 Byte)Mit dem Anschluss an einen Abwasserkanal und eine Schwerkraft-Zentralheizung, die mit Koks befeuert wurde und über Gusseisenheizkörper das ganze Haus mit Wärme versorgten, waren die Häuser auf dem neuesten Stand der Zeit, auch wenn kein Heizkörper dem anderen geglichen haben soll.

Die Bauherren waren hauptsächlich Arbeiter, Angestellte und Arbeiter, der Kaufpreis betrug 30000.-RM (Finanzierungsplan).

Ein großes Problem war bis in die Nachkriegszeit die Entwässerung der Tietjenstraße. Immer wieder viel das Pumpwerk an der Achterstraße, das die Abwasser vom tiefen Niveau der Tietjenstraße auf die Höhe des Kanals an der Wachmannstraße pumpen musste aus. Immer wieder gab es Beschwerden über das „übelriechende Wasser“, das bis zu 30 Zentimeter Höhe im Souterrain stand und Lebensmittel, Kleidung und Möbel verdarb.

Einige Einwohner der ersten Generation:

v.l. Fr. Schlacke, Fr. Moser, NN, Fr. Steikowski, NN, NN, NN

Und der zweiten Generation:

Bild 1: K.-H. Schlacke, Steilkowski, NN, NN, NN, A. Schichting, Bild 2: o.R. U. Ode, NN, NN, NN, M. Kubenka, I. Gesner, u.R. A. Nickel, H. Schrader, Wilkens Zwillinge, I. Senning, NN, NN

 

Leben in der Kriegszeit:

Einkaufsmöglichkeiten waren vor dem Krieg die kleinen Läden an der Leher Heerstraße und der Bauer Warnke, der neben Lebensmitteln auch Heiztorf aus dem Teufelsmoor verkaufte, sowie Fräulein Hedwig Güse im Souterrain von Nr. 30 und Harry Lübke in der Vorstraße 24. Außerdem versorgte man sich aus dem eigenen Garten mit Obst und Gemüse und hielt Kleinvieh.

Zu Ostern wurden Ausflüge in das Blockland gemacht, die Kinder sprangen mit Stöcken über die Gräben und im Winter konnte man direkt hinter den Bahnschienen der Jan-Reiners-Kleinbahn auf den überschwemmten und vereisten Wiesen Schlittschuh laufen. So schreibt der Sohn von Johann Barre, Herbert Barre über seine Jugend vor der Bebauung der Tietjenstraße:

 „Wir Jungens bastelten uns Segelschlitten und aus alten Bettüchern Eissegel, mit denen wir uns über die weiten Flächen treiben ließen. Oftmals ging es ein Stück auf der zugefrorenen Wümme bis „Feldmann" und von dort durch das weite St.-Jürgen-Land bis Neu-Sankt-Jürgen, manchmal auch bis Ritterhude, Wasserhorst und Burg. Mit der Straßenbahn fuhren wir dann zurück. Die Kinder von Vorstraße und Herzogenkamp erlernten schon als Knirpse das Eislaufen fast hinter dem Hause, denn die vielen Entwässerungsgräben bei­derseits der Vorstraße boten die beste Gelegenheit dafür. „(7)  

Olympiade.jpg (62896 Byte)Die Kinder „klauten“ Äpfel auf dem Barre Grundstück und veranstalteten 1936  ihre eigene Olympiade. Viele waren Mitglied der Hitlerjugend pimpf.jpg (42284 Byte) stalko.jpg (46610 Byte) und trugen stolz ihre Uniformen, ohne den politischen Hintergrund zu verstehen.  An Festtagen wurde die Hakenkreuzfahne gehisst, und der Spielmannszug der HJ zog durch die Straßen.

Von 1939 verschlechterten sich die Lebensbedingungen durch den Krieg immer stärker. Lebensmittel und Brennmaterial wurden rationiert, der Strom immer wieder abgeschaltet, die Fenster mussten verdunkelt werden, und die Angst vor dem nächsten Fliegeralarm bestimmte das Leben mit gepackten Koffern. Auch die Vorgärten wurden in Nutzgärten umgestaltet. Mit Jan Reiners ging es aufs Land zum Hamstern; Wertgegenstände wurden gegen Speck, Eier und andere Lebensmittel eingetauscht. Auch Brennstoff war rar und musste teuer bezahlt werden. Viele Horner sammelten im Bürgerpark legal mit einer Holzkarte Holz, um in den Zeiten höchster Not wenigstens die Küche zu heizen. Vor der Horner Schule, in der Busestraße und Kirchbachstraße wurde in Gruppen „schwarzes Holz“ organisiert. Viele Bäume wurden in dieser Zeit Opfer der Not.

Nachts wurde das Blockland beleuchtet, um die Flieger bei verdunkelter Stadt in die Irre zu leiten. Auf dem Gelände des Berufsbildungswerks befand sich eine Flak-Stellung. Durch diese Umstände und die nahegelegene Bahnstrecke, blieb auch Horn nicht von den Bomben verschont. Das haus Nr. 91 wurde so stark beschädigt, dass die Einwohnerin nach Tarmstedt zog. In der Hoffnung auf staatliche Hilfe bei der Instandsetzung wurden Anträge auf Entschädigung gestellt. Auf Grund der großen Wohnungsnot wurden auch entgegen vorherigen Absichten die Dachwohnungen ausgebaut und belegt.

Während der zahllosen Luftangriffe suchten die Bewohner der Straße den langgestreckten Luftschutzbunker zwischen Tietjenstraße und Helmer (jetzt Wohnblock 45-49) auf. Während der Weihnachtszeit wurde hier sogar unter dem Tannenbaum „gefeiert“. (ähnliche Bunker gab es an der Ecke Vorstraße./Leher Heerstraße, am Lehester Deich, an der Berckstraße; alle dienten als „Sonderbauten“ lediglich dem Splitterschutz)

Bunkerhelmer (Small).jpg (52809 Byte) WeihnBunker (Small).jpg (32284 Byte) Luftmine (Small).jpg (38308 Byte)
Bilder v. l. n. r. Bunker zwischen Helmer u. Tietjenstr, Weihnachten, Luftmine

Nach 1945

Anfang der 50er Jahre wurde die Bebauung mit Einfamilienhäusern im südlichen teil der Straße fortgesetzt. Die Wohnblöcke 58-66 (1954) und 45-49 (1956) sowie die 3 Reihenhäuser (67-69) vollendeten vorerst den Ausbau der Tietjenstraße, nachdem der Bunker auf der Ostseite der Straße abgebrochen wurde. Die letzte Bautätigkeit waren die Wohnhäuser im Innenbereich 1993 und die "Studentenwohnanlage“ 1994.

Leben nach dem Kriege

Auch nach dem Kriege gab es Einweisungen um die durch Bombenschäden obdachlosen Bremer und Flüchtlinge aus den Ostgebieten unterzubringen. Brennmaterial war weiterhin rar. Wie in der Kriegszeit stammte ein Teil der Versorgung  bis in die späten 50er Jahre aus den angrenzenden Gärten. Neben Obst und Gemüsezucht wurden auch Kleintiere in den Garten gehalten. Wie der Bericht vom August 1954 zeigt. 

Die Kinder spielten auf der Straße ein großes Ereignis war der jährliche Laternenumzug, an dem alle Kinder ausnahmslos teilnahmen.  

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Rudolf Bergfeld, Haus zur Kastanie