Familie Plonsker

Martha und Otto Plonsker hatten Mitte der zwanziger Jahre in Bremen, St. Johann, kirchlich geheiratet. Sie stammten aus dem rheinischen, Marta Plonsker war katholisch, während Otto Plonsker jüdischen Glaubens war. Vor dem Eheschluss konvertierte Otto Plonsker zum katholischen Glauben und war mit der Familie regelmäßiger Besucher des Gottesdiensts in St. Johann. Darüber hinaus trat er der Kolpingfamilie bei und trug bei der Fronleichnamsprozession das Banner der Kolpingfamilie. Das junge Paar erwarb in der Schönauenstraße 12 die Hälfte eines Zweifamilienhauses. Da sie nach und nach die Schulden abtragen konnten, war für sie dieses Eigentum die Grundlage, um die Nazizeit überstehen zu können.

Martha Plonsker brachte eine uneheliche Tochter in die Ehe. Die Tochter war im Sinne des "Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes" „arisch", die übrigen sechs Kinder, die zwischen 1925 und 1940 aus der Ehe hervorgingen, waren nach den Nürnberger Rassegesetzen „Halbjuden". Der älteste Sohn Hans, erinnerte sich seines Vaters als bescheidenen, einfachen Menschen, der als kaufmännischer Angestellter ein kleines Gehalt bezog. Als die Nazis zur Macht kamen, musste er die Stelle aufgeben und durfte nur noch als Fuhrmann mit einem Pferdefuhrwerk zunächst für eine Wäscherei, dann für den Bäcker Hartke im Schnoor die Waren zu den Kunden bringen. Damit konnte er bis zu seiner Verhaftung im Februar 1945 ein bescheidenes Gehalt nach Hause bringen. Frau Plonsker war eine sehr couragierte Frau. Sie erledigte die Geschäfte der Familie, da der Vater wegen seiner jüdischen Abstammung zu äußerster Zurückhaltung, ja zum Schweigen in der Öffentlichkeit gezwungen war.

Die Eheleute wurden mehrfach einzeln oder gemeinsam zur Gestapo gerufen. Die Gestapo forderte Frau Plonsker mehrfach auf, sich von ihrem Ehemann zu trennen, damit sie ihre Ruhe habe. Während einem der Verhöre entwendete Sie ein Schutzhaftformular, um es der Nachwelt zu erhalten. Dem engagierten und klugen Auftreten der Ehefrau ist es zu verdanken, dass sich die Verhaftung von Hans Plonsker lange hinausschob. Schließlich wurde er nach Theresienstadt deportiert,

Der älteste Sohn Hans hatte die St. Johannis-Schule besucht, bis sie 1938 von den Nazis geschlossen wurde. Das letzte Schuljahr hat er in der Horner Schule verbracht. Da er in der St. Johannis-Schule der Klassenbeste war, wäre er gern zum Gymnasium gegangen, musste aber auf Anraten der Mutter darauf verzichten. In beiden Schulen musste er keine Diskriminierung ertragen. Weil er Messdiener war, hatte er guten Kontakt zu den Geistlichen von St. Johann, die der Familie nach besten Kräften halfen. Kleiderspenden und die Möglichkeit, jeden Mittag in einem Kanister Essensreste vom St. Joseph-Stift abzuholen, halfen der Familie aus der größten Not. Auch beim Bäcker Hartke konnten sie sich altes Brot abholen oder ein Frühstück einnehmen.

Nach der Schulzeit konnte Hans Plonsker eine Lehre beim Gärtner Scherrer in Horn beginnen. Er wurde gut behandelt und konnte nach seiner Lehre noch ein Jahr als Gehilfe im Betrieb und später in einer Baumschule in Hiltrup arbeiten. Im November 1944 musste er sich im Arbeitslager Kassel melden, widrigenfalls würde die ganze Familie in Sippenhaft genommen. Die etwa 400 „halbjüdischen" Jugendlichen mussten nach Bombenangriffen die Aufräumarbeiten machen. Ein Eisenbahntransport sollte sie baldmöglichst nach Litzmannstadt bringen, wegen der Bombardierung des Eisenbahnweges war die Umsetzung dieses Vernichtungsplanes nicht durchführbar. Hans nutzte die Möglichkeit dem Lager zu entfliehen, wurde aber von der Feldgendarmerie aufgegriffen, als Deserteur ins Gefängnis gesteckt und vor das SS-Standgericht in Braunschweig gebracht. Weil sich herausstellte, dass er nicht aus der Wehrmacht desertiert war, wurde er entlassen und einem Bombenaufräumkommando zugeteilt. Er floh aufs Neue und erlebte in Bremen er das Kriegsende.

Die jüngeren Geschwister hatten, soweit sie schulpflichtig waren, die Schule in Horn besucht und einige Erfahrungen mit Diskriminierungen in Schule und Nachbarschaft gemacht. Die Familie war in doppelter Weise stigmatisiert: als jüdisch und katholisch. Als die Bombenangriffe auf Bremen stärker wurden, sorgte die katholische Gemeinde dafür, dass viele Kinder, so auch die Kinder der Familie Plonsker, in Glandorf bei Osnabrück bei Bauern unterkommen konnten.

Nach Kriegsende kehrten sie wieder nach Bremen zurück. Die Besatzungsmacht gewährte der Familie wegen ihrer Verfolgung in der Nazizeit einen Ausweis für bevorzugte Behandlung zum Kauf von Lebensmitteln. Es zeigte sich aber, dass die tief sitzende Ablehnung gegenüber Menschen jüdischen Glaubens bei manchen Mitbürgern und Nachbarn keineswegs verschwunden war, sondern im Gegenteil 1947 noch sehr deutlich spürbar blieb. So sagte der Milchhändler zum jüngeren Bruder Heinz: „Komm, Moses, stell dich hinten an!" Weil der Bevorzugtenschein nur Ärger bereitete, verzichtete die Mutter schließlich darauf, diesen vorzuzeigen.

Otto Plonsker kehrte nach fünfmonatigem Aufenthalt in Theresienstadt nach Bremen zurück. Seine Eltern, ein Bruder und seine Schwägerin  waren im Konzentrationslagern gestorben. Die Erlebnisse jahrelanger Demütigung in der Nazizeit und die Schrecken von Theresienstadt brachten die Eheleute Plonsker seelisch auseinander.

Martha Plonsker hatte große Not, allen Kindern Nahrung und Ausbildungsmöglichkeiten zu geben. Lange brauchte es, bis sie eine kleine Rente bekam, da sie während der Nazizeit nur Schwarzarbeiten verrichten konnte und nicht rentenversichert war. Mühsam hat sie in einem kleinen Brotladen Brot einer Bremer Brotfabrik verkauft. 1981 starb sie nach ein harten, entbehrungsreichen Leben mit 79 Jahren.

Der älteste Sohn Hans fand nach seiner Rückkehr nach Bremen für ein Jahr bei der Gärtnerei Scherrer erneut Arbeit. Diese Zeit nutzte er, um im Selbststudium die Mittlere Reife nachzuholen. 1946 ging er nach Berlin, wo er im Ostsektor der Stadt als Naziverfolgter und Arbeitersohn ohne Abitur ein Gartenarchitektur-Studium beginnen konnte.

Nach Adalbert Keilus der am 18. April 2000 mit den Brüdern Hans und Heinz Plonsker über ihre Familiengeschichte während der Nazizeit sprach.

(Nach: Lebensgeschichten Schicksale Bremer Christen jüdischer Abstammung nach 1933, Hauschild Verlag Bremen 2006)

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